Schur und Wolle

Eine der häufigen Fragen in Bezug auf Alpakas (und Lamas) ist: Müssen die geschoren werden?

Die Antwort lautet eindeutig „Ja“, und dies gleich aus mehreren Gründen: Mit der Zeit kann auch Alpaka-Wolle verfilzen. Dies vermindert den Luftaustausch, und bietet somit Nährboden für Hautparasiten sowie Hauterkrankungen. Beides kann unter der Wolle auch lange unentdeckt bleiben, was die Behandlung erschwert. Die Wolle selbst wird, sobald verfilzt, für eine weitere Verarbeitung unbrauchbar.

Noch schwerer wiegend ist jedoch der klimatische Einfluss auf das Tier: Ein Alpaka kann eine bis zu mehreren Centimeter dicke Wollschicht aufbauen. Im Winter schützt diese Schicht vor Kälte, selbst Minusgrade ertragen Alpakas in aller Regel ohne zu murren. Im Sommer wird das dicke Fell aber zur Belastung: Stellen Sie sich vor, an einem heissen August-Tag im Wintermantel an der Sonne zu liegen: Keine schöne Vorstellung. Unweigerlich bildet sich unter der Wollschicht ein Hitzestau, im Extremfall kann dies lebensgefährlich werden. Die jährliche Schur im Frühjahr ist also mehr Pflicht denn Kür.

Die grosse Frage ist jeweils „wann?“. An warmen Frühlingstagen leiden Alpakas mit Bewollung unter der Hitze, wird es vor allem um die Eisheiligen herum nochmals frostig, frieren frisch geschorene Alpakas. Vor allem bei Jungtieren kann dies auch schon mal zum Problem werden. Eine bewährte Lösung ist eine Wärmequelle im Stall, beispielsweise eine Wärmelampe, welche frisch geschorenen Alpakas die Möglichkeit gibt bei allzu argen Temperaturen Zuflucht zu finden:

Wärmelampe im Alpaka-Stall

Weiter zu bedenken ist ausserdem, dass weisse Alpakas frisch nach der Schur sonnenbrandgefährdet sind. Abhilfe schaffen hier schattige Plätze zur Verfügung zu halten oder eine Schur, welche nicht ganz bis auf die Haut geht. Mit diesen Vorkehrungen schafft die Schur den Tieren bei Wärme grosse Erleichterung, und sie geniessen auch ein Bad an der prallen Sonne (siehe Titelbild). Im Allgemeinen wird eine jährliche Schur im Mai empfohlen.

Dass man mit der Schur seinen Tieren etwas Gutes tut, wissen Alpakas aber leider nicht. Der Akt des Scherens ist für die Tiere schwer zu ertragen. Nicht etwa, dass das Abschneiden von Haaren Schmerzen bereitet – es ist das Festhalten, welches dem Fluchttier zutiefst widerstrebt. Eine an und für sich harmlose Prozedur kann so zum Kampf um Leben und Tod werden, weil sich das Alpaka nach Kräften wehrt, tritt, spuckt, schreit – Stress für Tier und Mensch.

Welche Methoden gibt es, um das Scheren einfacher zu machen? Der Beginn für jede erfolgreiche Schur liegt im Training des Tieres und den gewohnten Umgang mit dem Menschen. Haben die Tiere Vertrauen zum und Erfahrung im Umgang mit dem Menschen, sind sie halfterführig und sind sich gewohnt, auch mal kurzzeitig angebunden zu sein, ist dies schon die halbe Miete. Die Tiere werden so jede Art des Scherens einigermassen gelassen über sich ergehen lassen. Das Scheren selbst kann dabei auf verschiedene Arten erfolgen: Per Handschere oder mit der Schermaschine, am stehenden Tier oder liegenden Tier, am ganzen Körper oder partiell. Jede Methode hat Vor- und Nachteile:

  • Eine Schur per Handschere ist für das Tier meist weniger beängstigend als der Ton der Schermaschine. Es sind keine unbewussten Faktoren wie beispielweise heiss gelaufene Klingen im Spiel, und die Verletzungsgefahr an sensiblen Stellen ist kleiner. Die Schur dauert jedoch wesentlich länger, was auch für das Tier die Prozedur in die Länge zieht. Die Optik der fertigen Frisur kommt meist nicht an eine elektrische Schur heran.
  • Die Schur mit der Maschine dauert im Gegensatz dazu kürzer, ist gleichmässiger im Schnitt und kann durch ihre Effizienz mithelfen, Stress zu reduzieren. Ein geübter Umgang ist jedoch gefragt, und eine Achtsamkeit auf scharfe Messer, regelmässige Pausen um zu vermeiden dass die Messer heiss werden, und vorsichtige Handhabung um zu verhindern dass man zappelnde Tiere verletzt.
  • Das Alpaka zu „strecken“, sprich es am Boden oder auf einem Schertisch hinzulegen und festzuhalten, sieht auf den ersten Blick grausam aus. Die Methode ist die häufigst angewandte, gerade auch weil sie bei untrainierten Tieren die einzige Methode ist. Während klar ist, dass das Festhalten grossen Stress bei den Tieren verursacht, hält die Methode jedoch die Dauer der Prozedur und die Verletzungsgefahr in engen Grenzen. Wird sie richtig angewandt, das heisst mit Geduld, Verständnis, Ruhe und der richtigen Ausrüstung (Fussfesseln müssen gepolstert sein falls verwendet, kein Abdecken des Kopfes etc) kann die Methode durchaus in der Summe „angenehmer“ für das Tier sein als stundenlanges Herumgezupfe im Fell.
  • Ein stehendes Alpaka zu scheren ist schwieriger. Wir das Tier angebunden oder physisch eingerahmt (zum Beispiel in einem Behandlungsstand), ist der Vorteil gegenüber dem vorgenannten Strecken nicht oder nur in geringem Mass gegeben. Hat das Tier Bewegungsfreiheit, muss es zwar weniger „Fluchtstress“ ertragen, die Prozedur wird jedoch aufwändiger und länger. Das Tier empfindet so auch länger Stress. Die Schur gleichmässig und an allen Stellen durchzuführen ist extrem aufwändig. Schwierig zu erreichende Stellen wie Bauch, Beininnenseiten, Kopfbereich sollen aber nicht ausgelassen werden: Krankheiten oder Schädligen können unentdeckt bleiben, die Wolle verfilzen. Eine Schurz am stehenden Tier ist also fast nur möglich bei sehr gut trainierten, sehr ruhigen Tieren und einem Scherer mit viel Geduld und Zeit.

Ist die Schur erfolgreich überstanden, steht dem Sonnenbad der Tiere nichts mehr im Weg – und der Halfter kann sich Gedanken darüber machen, was er mit den 3-5 Kilogramm Wolle machen will, welche er pro Tier gewonnen hat. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Verfilzen, zu Garn spinnen, Bettwaren befüllen, oder als Nistmaterial für Gartenvögel anbieten.

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