Erfolge beim Einfangen

Alpakas lassen sich nicht gerne einfangen und halten. Dies liegt in ihrer Natur: Als Beutetiere gehören Bewegungsfreiheit, gute Beobachtung der Umgebung, und der Einsatz der Beine zu ihren Werkzeugen im Überlebensbaukasten.

Demzufolge ist das Einfangen eines einzelnen Alpakas, vor allem auf einer weitläufigen Weide, nicht einfach. Hat das Alpaka erst einmal erste Erfolge im Anwenden des lustigen Spiels „Abwarten und Davonrennen“ erzielt, wird es immer bessere Strategien entwickeln, um sich eben nicht einfangen zu lassen. Besser ist es, Alpakas von der Weide in einen kleineren, begrenzten Raum zu treiben, wie beispielsweise der Stall, und es dort anzuhalftern.

Was in der Theorie einfach tönt, kann für Halter und Tier schnell zum Stress werden. Viele Alpakahalter sind der Überzeugung, dass die einzige mögliche Methode um das Tier einzufangen ist, das Alpaka in einen Ecke zu drängen, dann anzuspringen und an dem praktisch langen Hals festzuhalten, um ihm dann gewaltsam das Halfter über den Kopf zu zwängen.

Wenn wir uns in das Tier versetzen, bedeutet dies dass das Alpaka in dieser Situation folgendes lernt: Wenn ich mich zusammen mit dem Menschen, welcher ein Halfter in der Hand trägt, im Stall aufhalte dann werde ich höchstwahrscheinlich gegen meinen Willen festgehalten und angebunden. Also Folge davon wird das Alpaka Vermeidungstechniken entwickeln: Es verzieht sich aus dem Stall sobald es den Menschen mit dem Halfter sieht, und sich über die ganze Weide zwar verfolgen lassen, aber nur mit viel Mühe in den Stall treiben lassen.

Mit dieser Methode wollten wir uns nicht zufrieden geben, und haben nach der Methode von Camelidynamics eine bessere Variante gefunden: Statt die Tiere von der Weide in den Stall zu treiben, werden sie mit einem Leckerli angelockt. Die funktioniert problemlos, Alpakas sind sehr verfressen. Der wichtigere Teil ist, das Alpaka stressfrei anzuhalftern. Dem Alpaka wird zunächst das Führseil über den Rücken gelegt. Dies lässt das Tier nach ein paar Mal abwerfen über sich ergehen, sobald es merkt dass nichts weiter passiert und keine Gefahr besteht. Im nächsten Schritt wird dann das Seil vor dem Hals herum abgegriffen und um den Hals geführt. Das Alpaka ist jetzt bereits gefangen. Da der Mensch jedoch jederzeit eine gute Armlänge Abstand hat wird die dem Tier wichtige Distanz gewahrt. Zudem ist es ein „neutrales“ Seil und nicht etwa die menschlichen „Greifarme“, welche das Tier gefangen halten. Auch besteht mit dieser Methode kein Schock des Anspringens oder gejagt werden. Insgesamt ist diese Methode also stressfrei. Das Anlegen des Halfters selbst nach erstmaligem Beschnuppern ist dann eigentlich gar kein Thema mehr: Die Alpakas reagieren höchsten noch mit Ungeduld, wenn das Schliessen des Halfters mal länger geht. Das Tier wird jedoch während des ganzen Vorganges am Seil um den Hals gehalten, nicht etwa am halb angelegten Halfter. Dadurch entsteht für das Tier kein unangenehmes Rucken am Kopf.

Mit dieser Methode haben wir grosse Fortschritte erzielt. Die Tiere haben grosses Vertrauen und keine Angst vor dem Einfangen und Anhalftern. Heute kann ich auf die Weide stehen und rufen, und während die Alpakas im Galopp zum Stall rennen kann ich bereits in den Stall hinein, das Gehege öffnen und warten. Die Alpakas kommen in den Stall und sogar freiwillig aus dem Gehege in den Warteraum. Dort lege ich ihnen dann nach oben genannter Methode das Halfter an. Bei Clara ist es nicht einmal mehr nötig, das Seil festzuhalten: Sie weiss, wenn das Seil auf dem Rücken liegt, wird angehalftert, und bleibt stehen. Das erste Mal, als das Einfangen so leicht funktioniert hat, ist mir in Gedanken geblieben. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, und war gleichzeitig höchst gerührt darüber wie viel Vertrauen unsere Tiere aufgebaut haben.

Die Methode hat mehr Vorteile als nur Stress für Tier und Mensch zu vermeiden: Sie benötigt einiges weniger Zeit, als die Tiere von der Weide zu treiben. Sie lässt dem Alpaka die Souveränität auf ihrer Weide und stellt somit kein Eindringen ins Territorium dar, was wiederum zu mehr Sicherheit und Vertrauen führt. Jeder Anfänger kann die Methode alleine anwenden, während das Eintreiben eines Tieres auf einer grösseren Weide einiges an List, Geschick oder Personal benötigt. Die Methode funktioniert auch bestens auswärts, was sie besonders für Trekkingtiere wertvoll macht. Wir können jedem Alpakahalter, welcher seine Tiere anspringen muss, nur wärmstens empfehlen umzudenken. Es lohnt sich!

Ps: Das Abhalftern passiert übrigens genau gleich in umgekehrter Reihenfolge.

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